Von Luhmühlen nach Bordeaux
Es sollte ihnen auf dem Acker hinter ihrem für sie gebauten Bungalow mit Grasdach eine Neubausiedlung vor die Nase gesetzt werden, dort wo sie seit 1968 den freien Blick über Felder und Wiesen hatten. Und sei es nur vielleicht und nur am Horizont, die Wiedervereinigung hätte auch schon gereicht, es war Zeit, die Zelte abzubrechen.

Und so kam es, dass Petra und Uwe beim Umzug von der Lüneburger Heide nach Maransin in der Nähe von Bordeaux die vielen herrlichen Weine, die sie über die Jahre gesammelt hatten, zurück in ihre Heimat brachten. Der Weinkeller von La Pradelle war sieben Jahre, bevor wir das Gleiche vom Haus behaupten konnten, fertig. Den Restaurantherd gab es lange bevor die Küche so hergerichtet war, dass man ihn einbauen konnte. Sieben Jahre, Geld blieb keins übrig, aber Weine kamen jede Menge dazu, endlich in unmittelbarer Reichweite (zahlreiche Tagesausflüge in den Medoc), die jetzt direkt vom Hersteller gekauft werden konnten. An meinem 30. Geburtstag haben wir eine 1966er Magnum Chateau Haut-Brion, die bereits von Bordeaux nach Luhmühlen und zurück nach Bordeaux gereist war, zum Déjeuner in ein Restaurant in St. Emilion mitgenommen, weil die Weinkarte dort so etwas nicht hergab, um sie zur Feier des Tages zu trinken. Meistens aber hat Uwe die tollsten Flaschen aufgemacht, weil ihm danach war, weil es keinen schlechten Zeitpunkt gab, um einen guten Wein zu trinken. Und er dachte eine Weile darüber nach, ein Kochbuch zu schreiben. “Essenzen”. Daraus ist leider nie etwas geworden, nur ein Konzept und wenige Texte.
"Die Essenzen, welche die Basis der Saucen sind, kommen aus den Knochen oder Gräten, aber Fleisch, Gemüse, Kräuter, Gewürze und Weine verbessern den Geschmack. Ich koche sie, da es im Grunde und zunächst ein schmutziges Geschäft ist, und Gesellschaft die Prozedur zwar nicht unbedingt stört, aber jeden, der ihr beiwohnt, die Prozedur und der Geruch, am liebsten allein, am frühen Morgen und dann über Nacht, und immer mit einem Anflug von schlechtem Gewissen. Wie es gemacht wird, auf diese oder jene Weise, steht in fast jedem Kochbuch, das über die Zubereitung von Saucen spricht, aber die Texte sind von dieser Welt, und sagen nie die ganze Wahrheit. Das können sie nicht, sogar wenn sie es wollten. Ebenso wie der Duft der Sauce, der ein höheres Vergnügen und freier ist als sie selbst, und gleichwohl alles der an die Substanz gewendeten Arbeit verdankt, ist die Wahrheit eine an nichts gebundene, viel zu flüchtige, ohne Verlust nicht in Worte zu fassende Erscheinung, und schon darum, wie die Schönheit, von schmerzlicher Natur, und schmerzlich zu erfahren, die Sauce auf dem Papier im Topf so selten die versprochene wie die auf dem Teller die erträumte. Der berühmte Koch Fernand Point soll sein berühmtes Gratin de queues d’écrevisses, dessen Geheimnis vielleicht als letzter sein Schüler François Bise noch kannte, und das wir bei diesem vielleicht noch eben kosten konnten, mehr als tausendmal gekocht haben, bevor er es zum ersten Mal auftrug, ein gewiß problematischer Luxus, und wer weiß, wie das Resultat der Mühen, das tausendundeinste Gratin wirklich geschmeckt hat."
Die 1928er Flasche Chateau d’Yquem, die viele Jahre in beiden Kellern lag, die Uwe mit mir trinken wollte, um etwas zu feiern, was nie eintrat, hat ihn überlebt.